Naturwahrnehmung und Versprachlichung

VERSPRACHLICHUNG VON NATURERFAHRUNG. „Die moderne Wissenschaftssprachen sind entsinnlicht. Nature Writing nimmt manches von den alten Fachsprachen (der Schiffer-, Jäger-, Bergsteiger- oder Waldarbeitersprache) auf, nicht nur weil viele von ihnen aus einem vor- und frühmodernen, zumeist handwerklichen Umgang mit den Naturgegebenheiten eine außerordentliche Schärfe der Wahrnehmung und einen großen Schatz sinnlicher Erfahrung vermittelten. […] Wo historisches Wortmaterial in Nature Writing-Büchern wieder erschlossen wird, geht es um die konkrete sinnlich gegründete Erfahrung von Landschaft und Naturgeschehen, gegen das zeitgemäße Aussortieren von Benennungs- und damit auch Erkenntnismöglichkeiten.“ (Ludwig Fischer, „Natur im Sinn“) „Anschauung, Erfahrung, Beschreibung und Aussage korrespondieren miteinander. Die Grenzen des Sagbaren liegen an den Grenzen des Erfahrenen. […] Manches sehen wir nicht, weil uns Worte und Begriffe fehlen, manches vermögen wir nicht auszusagen, weil uns die Anschauung fehlt.“ (Johannes Fried, in „Jetzt ist die Landschaft ein Katalog voller Wörter“ (Hrsg. Bernd Busch), zitiert nach Ludwig Fischer, „Natur im Sinn“)

Die Entdeckung der Natur

NEU IN MEINER BIBLIOTHEK. Jürgen Goldstein, zuletzt gelobt für seine „Denkbiografie“ Hans Blumenbergs, erzählt „Die Entdeckung der Natur“ als Erfahrungsgeschichte, ausgehend vom 14. Jahrhundert. Entweder führt die Passage über einen Ozean oder ein Berg wird erwandert. Weil Erfahrung vor vermeintlichem Spektakel geht, darf Goethe den Brocken besteigen, bricht Lichtenberg nach Helgoland auf. Aber keine Angst, im letzten Kapitel erklimmt Reinhold Messner den höchsten Berg der Welt. Die Reiseetappen thematisieren auch das Sehen: Von Darwins realem „Clash of Wilderness and Civilisation“, seinem Erschrecken über den gar nicht so edlen (weil aus Büchern angelesenen – aufgepasst, liebe Nature Writing-Kolleginnen und Kollegen!) „Wilden“ in Patagonien, bis zur „View-Point“-Vermeidungsstrategie mit der Peter Handke, angeregt durch Cezanne, zum Schauen, nicht zum (vorhandenen) Bild von seiner Sainte-Victoire-Besteigung zurückkehrt. (Nochmals aufgepasst, liebe Nature Writer: Die Zeit des Gipfelschauens ist vorbei!) Lieber einen Blick auf den Boden riskieren als in die allseits gesuchte Ferne… Gleichermaßen sind die historischen Berichte „Dokumente einer versuchten Sprachfindung.” (Goldstein) Für den Easy Jet-Setter kaum vorstellbar, brauchte es einst viel Mut, sich über die mythischen Säulen des Herkules (die Felsformation bei Gibraltar, die Afrika und Europa trennt) über den offenen Ozean zu entgrenzen. Zu diesem räumlichen Tabu kam eine theologisch verinnerlichte Sünde des „Augenlust“. Damit brechen die Entdeckerinnen und Entdecker der Natur wie Francesco Petrarca, Maria Sibylla Merian, Georg Forster, Alexander von Humboldt oder Jean-Henri Fabre. In leseleichten Zitaten kommen die Abenteurer ausführlich zu Wort. Nachteilig ist, dass es keine ordentliche Bücherliste am Ende des Bandes gibt. Und so trete ich, trotz einer Notiz Goldsteins dazu, mit einem freundlich genervten Augenrollen selbst die Entdeckungsreise an durch die Belegsammlung am Schluss.

Jürgen Goldstein, Die Entdeckung der Natur, Etappen einer Erfahrungsgeschichte, Reihe: Naturkunden Bd. 003, 310 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz Berlin 2013, 38,00 Euro.

Vor dem Schreiben

VOR DEM SCHREIBEN. Eine Anspannung, wie nach taglangem Lesen vertiefendes Eintauchen in das Gelesene, während sich der physische Körper des Buches verliert. Oder wie ein Ohraufgehen bei einer übertriebenen Konzentrationsübung. Als stünde eine existenzielle Einsicht unmittelbar bevor. Nur lässt sich eine solche Einsicht nie linear fassen, etwa als den einen schicken Satz für einen späteren Rezipienten notieren. Eher handelt es sich um ein körperliches Wahrnehmungsaufgehen, mit alerten Augen, Ohren oder über die Haut die Gegenstände erfassen, ohne gleich an ihnen rühren zu müssen, um sie für meine beschränkte Welt zurechtzubiegen, was mich nicht weiterbringen würde. Diese seltene Aufmerksamkeit hält bestenfalls ein oder zwei Stunden, bevor meine übliche Alltagsträgheit über sie triumphiert. Noch ist das Wahrgenommene nicht verloren. Es folgt das offene Abenteuer der Übersetzung in Sprache.

Sommer

„[…] Obgleich die Schwüle drückender wurde, spürten wir das andauernde Schauern. Wenn es nachließ, erneuerten wir es vorsätzlich und tauchten in den Fluss, in dessen Mitte kaltes, klares Wasser strömte. Kehrten wir auf unsere Picknickdecke zurück, fielen stets noch ein paar Tropfen auf unsere Haut. Später saßen wir mit angezogenen Knien am Ufer und blickten in den Sommer hinein. Der typische Lärm der Schwimmer verstummte und das Schilfrohr begann ganz langsam zu knistern.“

Weiter schreiben

Ein Stummfilm hat mich heute „auf die Sprünge gebracht“, wie Peter Handke sagen würde. Der Film lag nahe, weil der Roman auch mit dem Kino zu tun hat. Ursprünglich plante ich, das Geschehen in einer Szene palimpsesthaft und komplex über besagten Stummfilm zu legen (oder scheint das Original nicht vielmehr durch?), aber im fortgeschrittenen Stadium wollten sich die Figuren zumindest nicht billig auf der Handlungsebene etwas aufzwingen lassen. Die Lösung war ein lineares Nacheinander, wie ja auch räumlich das Nebeneinander am Havelstrand. Einmal mehr blickt also der Protagonist durch halb geschlossene Augenlider (Vignette) unter den (schwarz-weiß) flackernden Bildern eines Wetterleuchtens auf die Wochenendler in der Nachbarschaft. Und dann folgt ein längeres Filmzitat. Zuerst schrieb ich mit verzogenen Mundwinkeln, enttäuscht darüber, dass mir das Komplexe abging, und ich mich auf das Beschreiben einer satt bekannten Filmszene rausredete, aber dann kam ich auf die Gesichter im Wechsel von Licht und Schatten, und der Betrachter glaubt, deren Trauer oder Melancholie etc. zu erkennen und wendet sich geradezu zwanghaft – dem Gesicht der neben ihm liegenden Dame zu. Na also, dachte ich, klappt doch immer wieder…

Der Morgen

Um vier Uhr morgens schreiben ist mein Ideal. Den nächsten Morgen stelle ich mir als eine Etage höher vor. Als Kind habe ich an einen Fahrstuhl nach oben gedacht. Vielleicht steckt eine vertikale Paradiesidee dahinter. Jedenfalls liegt die Zukunft nicht unten. Um mein (hohes) Ideal zu erreichen, berechne ich am Vorabend acht Stunden Schlaf. Eine Party kann eine Bedrohung sein: Während ich Gespräche aushalte, höflich hinaus über die Grenze des bereits gesagten, spüre ich meine Schlafstunden schwinden und reagiere gereizt: Ich lebe nicht ohne den anderen. Aber ich verpasse auch nichts auf dieser Abendgesellschaft. Nach oben schlafen kann ich mich ohnehin nicht mehr. Am Morgen bin ich wieder unschuldig. Auch der Chor der Kritiker schläft noch. Am Rand der Träume funktioniert das schon mal: Über sich selbst hinauswachsen. Gelingt das, weiß ich es im Moment des Schreibens. Auch retrospektiv bleibt das als Glück. Und ich wundere mich. Aus einer anderen Perspektive bestätigt sich der Zweifel am Wunder: Um so größer die Enttäuschung, wenn man dem Autor begegnet, mit der Vorstellung, der Textschöpfer sei automatisch ein eloquenter Sprecher und Bescheidwisser im großen intellektuellen Stil. Das ist eine berüchtigte Falle für Schriftsteller und hat mit dem Morgen nichts mehr zu tun. Aber wie soll man das jetzt erklären?

Schreiben und Trinken

Früher schrieb ich wie jung verstorbene Schriftsteller/innen in Berliner Kneipen, in denen man das billigste Bier ausschenkte. Ich schrieb nicht, ich überarbeitete einen bereits existierenden Text. Dazu dröhnten lautstark deutsche Schlager, die nicht meine Musik sind. Das Stammpublikum dort spielte ohnehin in einer ganz anderen Liga. Trotzdem vertiefte ich mich in meinen Text: Skizzierte mit einem Bleistift die überall aufflackernde Vielschichtigkeit über den schicken weißen Computerausdruck. Zum Rausch gehörte neben der Wiederholung des Trinkens die fortwährende Wiederholung des Lesens einer einzelnen Passage. Formulieren musste ich am nachfolgenden Tag in Stille. Viele Schnapsideen der trügerischen Schönleserei übernahm ich sogar. Besonders Metaphern, die sozusagen wie Sterne aus meinem Trinkerhimmel aufs Papier herunterprasselten. Ein Teil war aber nur ein intimer Augenblickswunsch, im Affekt des Tumults, ein weiterer Teil der Notizen bleibt bis heute unentzifferbar – und das ist auch gut so.

Soundtrack zum Text

Eine der schönsten Seiten der Arbeit: Den passenden Soundtrack zum Text finden. Weil viele Kapitel in meinem Roman auch Musik beinhalten, arbeite ich gerade daran, das für alle übrigen Kapitel – bis auf eine sinnvolle Ausnahme – umzusetzen. Da wird ein Song im Radio gespielt, im Kopf erinnert, jemand pfeift eine Melodie, singt ein Lied, erklingt der Soundtrack zum Abspann eines Kinofilms, Musikfetzen „schwappen“ (pardon) aus der Nachbarwohnung herüber, die Love Parade dröhnt oder ein ausgeklügelter Jazz-Klarinettist begleitet im Vorübergehen, … das alles nebenbei und nicht so aufdringlich kompakt wie in dieser Zusammenfassung, irgendwo zwischen Wong Kar Wai (Szenenfoto) und Coppola…