Um vier Uhr morgens schreiben ist mein Ideal. Den nächsten Morgen stelle ich mir als eine Etage höher vor. Als Kind habe ich an einen Fahrstuhl nach oben gedacht. Vielleicht steckt eine vertikale Paradiesidee dahinter. Jedenfalls liegt die Zukunft nicht unten. Um mein (hohes) Ideal zu erreichen, berechne ich am Vorabend acht Stunden Schlaf. Eine Party kann eine Bedrohung sein: Während ich Gespräche aushalte, höflich hinaus über die Grenze des bereits gesagten, spüre ich meine Schlafstunden schwinden und reagiere gereizt: Ich lebe nicht ohne den anderen. Aber ich verpasse auch nichts auf dieser Abendgesellschaft. Nach oben schlafen kann ich mich ohnehin nicht mehr. Am Morgen bin ich wieder unschuldig. Auch der Chor der Kritiker schläft noch. Am Rand der Träume funktioniert das schon mal: Über sich selbst hinauswachsen. Gelingt das, weiß ich es im Moment des Schreibens. Auch retrospektiv bleibt das als Glück. Und ich wundere mich. Aus einer anderen Perspektive bestätigt sich der Zweifel am Wunder: Um so größer die Enttäuschung, wenn man dem Autor begegnet, mit der Vorstellung, der Textschöpfer sei automatisch ein eloquenter Sprecher und Bescheidwisser im großen intellektuellen Stil. Das ist eine berüchtigte Falle für Schriftsteller und hat mit dem Morgen nichts mehr zu tun. Aber wie soll man das jetzt erklären?

Früher schrieb ich wie jung verstorbene Schriftsteller/innen in Berliner Kneipen, in denen man das billigste Bier ausschenkte. Ich schrieb nicht, ich überarbeitete einen bereits existierenden Text. Dazu dröhnten lautstark deutsche Schlager, die nicht meine Musik sind. Das Stammpublikum dort spielte ohnehin in einer ganz anderen Liga. Trotzdem vertiefte ich mich in meinen Text: Skizzierte mit einem Bleistift die überall aufflackernde Vielschichtigkeit über den schicken weißen Computerausdruck. Zum Rausch gehörte neben der Wiederholung des Trinkens die fortwährende Wiederholung des Lesens einer einzelnen Passage. Formulieren musste ich am nachfolgenden Tag in Stille. Viele Schnapsideen der trügerischen Schönleserei übernahm ich sogar. Besonders Metaphern, die sozusagen wie Sterne aus meinem Trinkerhimmel aufs Papier herunterprasselten. Ein Teil war aber nur ein intimer Augenblickswunsch, im Affekt des Tumults, ein weiterer Teil der Notizen bleibt bis heute unentzifferbar – und das ist auch gut so.

Eine der schönsten Seiten der Arbeit: Den passenden Soundtrack zum Text finden. Weil viele Kapitel in meinem Roman auch Musik beinhalten, arbeite ich gerade daran, das für alle übrigen Kapitel – bis auf eine sinnvolle Ausnahme – umzusetzen. Da wird ein Song im Radio gespielt, im Kopf erinnert, jemand pfeift eine Melodie, singt ein Lied, erklingt der Soundtrack zum Abspann eines Kinofilms, Musikfetzen „schwappen“ (pardon) aus der Nachbarwohnung herüber, die Love Parade dröhnt oder ein ausgeklügelter Jazz-Klarinettist begleitet im Vorübergehen, … das alles nebenbei und nicht so aufdringlich kompakt wie in dieser Zusammenfassung, irgendwo zwischen Wong Kar Wai (Szenenfoto) und Coppola…