Wolf, Wanderer, Mountainbiker

Ein spielerischer Kurz-Essay um Zivilisationsprozesse und die moralischen Irrtümer von Naturabenteurern…

Bevor jemand wegen der Unvergleichbarkeit von Mountainbiker:in und Wolf mit Äpfeln und Birnen wirft, müssen wir die Hürde des spielerischen Vergleichs nehmen. Es ist wahr: Die Spezies Wolf, der Canis lupus, existiert. Aber nur, weil der Homo sapiens ein weiteres Werkzeug erfand, kann man der Naturwissenschaft nicht seriös mit einem Homo mountainbikus kommen. Auch nicht als Unterart des Homo pedalicus. Damit wird eher ein Marketing-Experte warm, der Produktdiversifizierung pflegt und Sinusmilieus (Performer und Expeditive) studiert. Oder Sozialwissenschaftler:innen, die sich für Subkulturen interessieren. Gleichwohl gibt es Parallelen: Wolf und Mountainbiker:in kommen solo oder im Rudel daher und erschließen dasselbe Revier. Die Meinungen über ihre gelungene Landschaftsintegration trennen sich in dichotomische Lager. Sie sind böse, heißt es. Deshalb werden sie mehr oder weniger gejagt. Außerdem machen beide eine Art Zivilisationsprozess durch. […]

Die moralische Trennwand von Mensch zu Mensch entpuppt sich als wohlfeile Erfindung. Im Fall des vergnüglichen Naturerlebnisses im Wald sind die vermeintlich Guten zumindest gleich böse. […] Mit der Wegeinrichtung beträgt der Schwund von Flora und Fauna in der Kernzone eines Wegs bei Mountainbiker:innen wie Wanderer:innen um 80 Prozent. […] So stellen also auch die erhabenen Aventüren ohne Stahlross mindestens gleichermaßen schwere Eingriffe in den „Natur“-Raum dar. […] Jenseits von Gut und Böse ließe sich für alle Abenteurer:innen eine ritterliche Haltung ableiten: Man muss nicht zu jeder Zeit und Saison in jedes Revier eindringen. Mitunter reicht der Trail entlang der Peripherie für eine epische Erzählung. […]

Theoretisch ist der Platz des Wolfs im Ökosystem klar. Indem er den Wildbestand natürlich reguliert, werden Populationen kleiner. Die Vegetation erholt sich und sorgt für Nahrung vieler Pflanzenfresser. Intakte Vegetation verhindert Erosionen und Hochwasser. Die Biodiversität erhöht sich, ein ökologisches Gleichgewicht entsteht. Eine runde Story über den Einfluss von Prädatoren auf Pflanzenfresser, wie sie im Biologieunterricht als „trophische Kaskade“ gelehrt wird. Der amerikanische Ökologe Arthur Middleton meldete in der New York Times Zweifel daran an: Jedenfalls hat der Wolf im Yellowstone-Nationalpark die Elche nicht daran gehindert, an Espen zu knabbern. Und für die Weiden kam der Canis lupus zu spät… […]

DER KOMPLETTE ESSAY IST ALS PRINT IN FAHRSTIL #34 °wolf ERSCHIENEN.