Die Entdeckung der Natur

NEU IN MEINER BIBLIOTHEK. Jürgen Goldstein, zuletzt gelobt für seine „Denkbiografie“ Hans Blumenbergs, erzählt „Die Entdeckung der Natur“ als Erfahrungsgeschichte, ausgehend vom 14. Jahrhundert. Entweder führt die Passage über einen Ozean oder ein Berg wird erwandert. Weil Erfahrung vor vermeintlichem Spektakel geht, darf Goethe den Brocken besteigen, bricht Lichtenberg nach Helgoland auf. Aber keine Angst, im letzten Kapitel erklimmt Reinhold Messner den höchsten Berg der Welt. Die Reiseetappen thematisieren auch das Sehen: Von Darwins realem „Clash of Wilderness and Civilisation“, seinem Erschrecken über den gar nicht so edlen (weil aus Büchern angelesenen – aufgepasst, liebe Nature Writing-Kolleginnen und Kollegen!) „Wilden“ in Patagonien, bis zur „View-Point“-Vermeidungsstrategie mit der Peter Handke, angeregt durch Cezanne, zum Schauen, nicht zum (vorhandenen) Bild von seiner Sainte-Victoire-Besteigung zurückkehrt. (Nochmals aufgepasst, liebe Nature Writer: Die Zeit des Gipfelschauens ist vorbei!) Lieber einen Blick auf den Boden riskieren als in die allseits gesuchte Ferne… Gleichermaßen sind die historischen Berichte „Dokumente einer versuchten Sprachfindung.” (Goldstein) Für den Easy Jet-Setter kaum vorstellbar, brauchte es einst viel Mut, sich über die mythischen Säulen des Herkules (die Felsformation bei Gibraltar, die Afrika und Europa trennt) über den offenen Ozean zu entgrenzen. Zu diesem räumlichen Tabu kam eine theologisch verinnerlichte Sünde des „Augenlust“. Damit brechen die Entdeckerinnen und Entdecker der Natur wie Francesco Petrarca, Maria Sibylla Merian, Georg Forster, Alexander von Humboldt oder Jean-Henri Fabre. In leseleichten Zitaten kommen die Abenteurer ausführlich zu Wort. Nachteilig ist, dass es keine ordentliche Bücherliste am Ende des Bandes gibt. Und so trete ich, trotz einer Notiz Goldsteins dazu, mit einem freundlich genervten Augenrollen selbst die Entdeckungsreise an durch die Belegsammlung am Schluss.

Jürgen Goldstein, Die Entdeckung der Natur, Etappen einer Erfahrungsgeschichte, Reihe: Naturkunden Bd. 003, 310 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz Berlin 2013, 38,00 Euro.

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