BURN AFTER READING
Eine Biografie bleibt eine Erzählung, die immer wieder anders oder neu erzählt werden kann. Über Thomas Mann wurden Dutzende Biografien geschrieben. Einen weiteren Versuch unternimmt Tilmann Lahme, indem er Leben und Werk des Schriftstellers konsequent von der Sexualität aus erzählt. Glücklicherweise beschränkt er sich nicht ganz darauf. So ist von der Konkurrenz mit seinem Bruder Heinrich zu erfahren, in der anfangs der ältere die ersten literarischen Gehversuche des jüngeren verreißt, während es später umgekehrt sein wird. Oder wie Thomas Mann manipulierte: Tagebücher und Briefe vernichtete oder Briefpartner zum Burn after Reading aufforderte. Auch die heute verbreiteten, gegenseitigen Gefälligkeitsrezensionen unter Schriftstellern waren damals schon üblich. Und war es für sein Fortkommen vorteilhaft, ließ Thomas Mann Freunde schon mal (vorübergehend) fallen.
DEN UNTERLEIB VON DER LIEBE TRENNEN?
Dieses Verhalten betraf auch die Freundschaft zu Otto Grautoff, aus dessen Briefen ausführlich zitiert wird. Zwei wiedergefundene Briefe Manns an den Vertrauten werden im Anhang erstmals abgedruckt. Nach Lahme wurden sie wegen ihrer Offenheit »Jahrzehnte nach dem Tod Thomas Manns vor der Öffentlichkeit versteckt«. Ausführlich rollt die Biografie die medizinische Vorstellung um 1900 auf, die Homosexualität schlicht »wegtherapieren« wollte. Mit Hypnose, kalten Duschen, Masturbationsverzicht, notfalls mit Tabletten. Nicht sympathisch, wie Thomas Mann in einer offensichtlichen Projektion Freund Grautoff für einen hoffnungslosen Fall erklärt, weil der sich seiner Männerliebe auch praktisch hingibt, während Mann das eigene schwule Begehren künstlerisch umdeutet und den »Unterleib von der Liebe« trennen will. Überhaupt ist das so eine Sache mit der Sexualität: Das biologisch-menschliche Begehren mündet in Manns Werk nicht nur in Der Tod in Venedig in den Untergang, in Krankheit und Tod.
DER EWIGE CRUSH
Lahme geht es um den Nachweis und das Aussprechen der Homosexualität Thomas Manns. Die ist zwar eigentlich bekannt, aber selten so klar benannt. Der Biograf wendet sich gegen die gewundene, tradierte Formel von der »homoerotischen Neigung« zahlreicher Vorgänger. Thomas Mann selbst gab ihr immer wieder Futter mit seiner eigenwilligen Interpretation als ein Künstlerprivileg bei gleichzeitigem Praxisverbot. Zugleich beschreibt Lahme jemanden, der bis ins hohe Alter in einer Pubertätsphase stecken geblieben scheint. Der wiederholte Dramaplot mit dem »Crush«, der einem rund um die Uhr beschäftigt, und vielleicht der ursprünglichen Bedeutung nach, geradezu »vernichtet«. Während der Umschwärmte die Verliebtheit des anderen mitunter nicht einmal bemerkt. Dann siegt die Fantasie über die Wirklichkeit, und der Schwarm und/oder der vergeblich Liebende wird sozusagen systemisch als Figur im nächsten Werk untergebracht.
THEMATISCHE FATIGUE ZWISCHENDURCH
Zwischendurch erlahmt die zugespitzte Perspektive der fast 600-Seiten-Biografie. Die Botschaft ist längst verstanden. Vielleicht will man schon Kritikern beipflichten, die betonen, dass Kunst nicht allein aus Sexualität entsteht. Besser gesagt: die Abwesenheit derselben im Künstlerleben, sofern man die Autoerotik nicht dazuzählen will, wie sie Thomas Mann in seinen Tagebüchern buchhalterisch erfasst hat. Ungewollt amüsant ist Lahmes hanebüchen missglückter Versuch als Psychoanalytiker alter Schule, wenn er die Zigarette Susan Sontags bei ihrer Thomas-Mann-Visite gesucht phallisch deutet.
SPANNENDES FINALE: DER GEOPFERTE FREUND
Doch im Schlusskapitel wird es noch einmal interessant. Mit Blick auf das Nachleben geht es dort nicht nur um den berühmten Schriftsteller selbst und dessen »geschönte« Lebenserzählung. Nicht zuletzt Dank seiner Tochter und Image-Beauftragen Erika sowie seiner Frau Katia. Oder um die Streichung expliziter Tagebucheinträge, in denen Kämpfe um die Sexualität ausgetragen werden. Tilmann Lahme zeigt auch, wie der Biograf und Briefe-Herausgeber Peter de Mendelssohn und nachfolgend die Thomas-Mann-Forschung das Leben seines Freundes Otto Grautoff teilweise diffamierten. »Das Bild vom unattraktiven, unbegabten, mit seinem unverständlichen Selbstekel hadernden« wird sogar unkorrigiert weitergeschrieben. Noch im Jubiläumsjahr 2025 taucht der irrtümlich behauptete Suizid des Kunsthistorikers und Romain-Rolland-Übersetzers Grautoff in der »Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe« wieder auf. So triumphiert der manipulativ auf Außendarstellung bedachte, in seinem Werk dafür umso eindeutigere Thomas Mann mit seinen Setzungen auch noch posthum über »die Wahrheit« eines anderen, seines Freundes.
Tilmann Lahme, Thomas Mann, Ein Leben, 2025, 592 Seiten, 28,00 Euro, dtv
