Thomas Deichmann | Durch Jugoslawien im roten Peugeot

»Es drängte mich hinter den Spiegel; es drängte mich zur Reise in das mit jedem Artikel, jedem Kommentar, jeder Analyse unbekanntere und erforschungs- oder auch bloß anblickswürdigere Land Serbien.« Das schreibt Peter Handke in »Winterliche Reise«. Mit ästhetischen Mitteln des Textes erschreibt er sich eine Bild- und Medienkritik. Er fragt: »Was weiß man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissensbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann? Was weiß der, der statt der Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt, oder, wie in den Fernsehnachrichten, ein Kürzel von einem Bild, oder, wie in der Netzwelt, ein Kürzel von einem Kürzel?« Indem er das seiner Ansicht nach einseitig eindeutige Bild von den Kriegsparteien im Kosovokrieg irritiert, kommt es zu polarisierenden öffentlichen Auseinandersetzungen um den Autor. Sicherlich trugen auch mündliche Statements Handkes dazu bei, dass die Texte im Kontext seiner Jugoslawienreisen, nicht immer so genau von seinen Kritikern gelesen wurden. Der eigentliche Kern seiner Medienkritik, eine poetische Dekonstruktion medialer Wahrnehmungsmuster, wurde dabei oft vernachlässigt. Zumindest, dass die Kriegslogik jeweilige Lager gebiert, die mit emotionalisierenden Bildern zur Stelle sind, um ihren Waffengang moralisch zu rechtfertigen, darf bis hin zu den aktuellen Kriegen als unbestritten gelten.

Wendet sich Handke in der »Winterlichen Reise« einerseits gegen Berichterstatter, die nach seiner Darstellung mit ihrer Sprache die Propaganda westlicher Medien bedienen, redet er darin andererseits von den »entdeckerischen Journalisten«, mithin beobachtenden »Feldforschern«. Möglicherweise ist Thomas Deichmann einer von ihnen. Nachdem sich Deichmann und Handke 1996 auf einer Lesung aus der »Winterlichen Reise« im Frankfurter Schauspielhaus begegnet sind, entwickelt sich eine langjährige Freundschaft. So ist der Journalist auch auf Balkan-Reisen Handkes dabei. Bei den von ihm nun vorgelegten zwei Bänden »Durch Jugoslawien im roten Peugeot« handelt es sich um eine detaillierte Chronik seiner Reisenotizen sowie Begegnungen mit Peter Handke.

Der erste Band ordnet die Reiserückblicke in den Kontext vom Zerfall Jugoslawiens ein, widmet sich kritisch der medialen Kriegsberichterstattung und zeigt Hintergründe der gemeinsamen Unternehmungen auf. Eingestreute Zitate von Peter Handke laden zum erstmaligen Lesen bzw. zur Relektüre seiner Jugoslawien-Texte ein. Der journalistische Reisebegleiter erläutert das zurückgenommene Verfahren der »Feldforscher«: »Das gemeinsame Reisen verlief mit derselben Grundhaltung, mit der sich Peter Handke in seinen Jugoslawientexten immer wieder literarisch mit Land und Leuten auseinandersetzte: unvoreingenommen fragend, Erklärungen und Antworten suchend, Eindrücke sammelnd, den Menschen zuhörend, sie verstehen und mitfühlen wollend, Widersprüche und Nichtverstehen zu überwinden suchend – und dabei sich selbst und wir uns als kleine Reisegruppe zurücknehmend.«

Der zweite Band widmet sich hauptsächlich den Fotos, die auf diesen Reisen entstanden sind. Deichmann: »Viele Jahre vergingen, bis ich meine Negative und Reiseunterlagen aus den Kisten kramte, sichtete und sortierte.« Sie sind verknüpft mit Verweisen auf die Reiseberichte im ersten Band. Viele Fotos wirken wie aus einem Privatalbum, manche haben dokumentarischen Charakter, andere geben ein überraschend konkretes Bild bereits gelesener Handke-Texte. Sie zeigen den Schriftsteller im legeren Anzug auf Wanderungen, bei der Pilzsuche im Tara-Gebirge, beim Essen eines Apfels, zu Besuch bei Freunden und Zeitzeugen, an vom Krieg zerstörten Brücken oder Kraftwerken. Aber auch jenes Hausboot, das später zur Spielstätte der Erzählung »Die morawische Nacht« werden sollte.

Vielleicht wird der Fotoband eher Handke-Fans ansprechen. Die umfassenden Chroniken mit zahlreichen Quellenverweisen Deichmanns im ersten Band laden ein zu einer möglicherweise unbequemen Auseinandersetzung mit den Balkankriegen, die Rolle der Medien darin sowie zu einem besseren Verständnis der Handke-Positionen und seinen Publikationen. Ohnehin lohnt es sich dafür mehr, den Schriftsteller Handke wirklich einmal zu lesen, statt allein auf dessen teils selbstschädigende mündliche Äußerungen hin zu urteilen. Denn in seinem Aufschreiben ist Peter Handke, wie Deichmann richtig schreibt, „immerzu am Ringen mit sich selbst als jemand, der in der Welt unterwegs ist […], ohne es sich dabei zu gestatten, in Schubladendenken zu verfallen. Das Hinterfragen und Infragestellen solcher Raster und Kategorien anhand seiner Sprachkritiken ist ein zentraler Bestandteil seines Klärungsbemühens.«

Thomas Deichmann, Durch Jugoslawien im roten Peugeot, 2026, Taschenbuch, Band 1+2, 258+321 Seiten, zahlreiche Fotos, 40,00 Euro, Wieser Verlag

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