Die Kunst des Unerwartbaren

Ulrike Damm | Die Poesie des Buchhalters

Eigentlich sind alle Möglichkeiten des Geschichtenerzählens für jeden Netflix-Zuschauer mit allen Plots und Twists routiniert abrufbar. Entsprechend haben sich in der Genreliteratur die Book Tropes wie unumstößliche Gesetze etabliert. Selbst die literarische Belletristik will ständig beweisen, dass sie den so getrimmten Buchmarkt bedienen kann. Also knippst man die Leselampe an, schlägt den Buchdeckel beiseite und erlebt – keine Überraschung. In Ulrike Damms scheinbar widersprüchlichen Titel »Die Poesie des Buchhalters« wird diese langweilige Routine klug durchbrochen.

Das gelingt zunächst visuell im Seitenformat. Die oberen zwei Drittel des Texts gehören dem Roman, in dem man einsteigt. Unter einem Strich auf den Seiten wird eine zweite Geschichte drucktechnisch mal mehr, mal weniger lesbar. Damm lädt Leserinnen und Leser zur Entscheidung ein, sich gleichzeitig oder nacheinander auf die Texte einzulassen. Manchmal wird im unteren Drittel etwas angedeutet, manchmal verraten, was der Text darüber (noch) nicht preisgibt. Solche »Parallelgeschichten« besitzen ihre eigene Spannung und bereichern die literarischen Ebenen.

Hinzu kommt, dass die Dialoge die sympathische Kunst des Unerwartbaren beherrschen. Mithin eine kafkaeske Traumlogik, in der aneinander vorbeigeredet wird, Gesagtes vom Gegenüber ignoriert oder die wörtliche Rede eine überraschende Wendung herbeiführt. Auf diese Weise lässt sich das Wagnis eingehen, bekannte Sätze über Kunst, Künstlertum und Kommerz neu zu formulieren.

Und auch der Auslöser der Handlung besitzt seinen eigenen Reiz: Der physische Brief als Sujet, ein aus Mode gekommenes Objekt der Begierde, und nachfolgend der Schuld: Buchhalter Justus soll für seine Vermieterin Rose regelmäßig Briefe zur Post tragen. Eines Tages steckt er einen in die eigene Tasche. Denn: »Die Neugier ist über Justus gekommen, wie eine Krankheit, deren Ursache, die Langeweile ist.« So beginnt das Spiel um die Langeweile, die Neugierde gebiert, die Verstrickung lostritt, ins verwickelte Leben einzutreten. 

Öffnet er den unterschlagenen Brief, erlebt er eine Überraschung. Naturgemäß verbirgt sich hinter einem Rätsel noch ein weiteres. Droht die Spannung einmal nachzulassen, erlaubt sich Damm schon mal den bewährten Raymond-Chandler-Trick, »einen Mann mit Revolver« durch die Tür kommen zu lassen. Das Auftauchen einer Leiche tut´s natürlich auch. Denn manchmal wirft den Helden bedingungsloser Freundschaftsdienst aus der Gleichförmigkeit. Ausgerechnet der Buchhalter wird dabei zum »Falschzähler« und die Logik des Dramas nimmt ihren (vorübergehenden) Lauf. Ähnlich wie in Varianten bei Simenon durchgespielt, erfährt sich Justus mit der Grenzüberschreitung auf der anderen Seite der Bürgerlichkeit.

Das untere Seitendrittel gehört meist der Perspektive der Vermieterin Rose. Die Briefe, die sie Justus mitgibt, gehen an ihren Bruder Paul. Der leidet unter Schizophrenie und lebt in einer Anstalt in England. Pauls Zimmer ist fast leer. Rose malt Bilder. Darin dominiert die Farbe Weiß, der Leerraum, das Abwesende. Dazu verblasst auch einmal der gedruckte Text visuell.

Aber das Unbeschriebene erfährt im letzten Abschnitt des Romans eine schöne Wendung, die auf das Schreiben zurückführen wird. Oder auf das Wiederfinden und Würdigen der eigenen, intimen Geschichte.

Ulrike Damm, Die Poesie des Buchhalters, 2025, Hardcover, 192 Seiten, 24,00 Euro, Drava Verlag www.drava.at

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