Brennnessel

[…] Als Kind, sagte die Radfahrerin, sei sie die größte Sturzkünstlerin gewesen: Immer direkt vom Fahrrad in die Brennnessel. Nie in die Taubnesselbüschel, Pfefferminzsträucher, Himbeerhaine oder Brombeerwälder. Abends in ihrem Märchenbett, glich der Verlust des Gleichgewichts, ihr Fallen, ihre Hingabe, schon der Erinnerung an ein rauschendes Abenteuer. Die von Blätterhaaren verbrannte Haut bewirkte kleine kalten Schauer unter der Bettdecke. Und damit fiel sie in einen pubertären Traum.

Tagsüber ergaben sich aus ihrem Fallen die wundersamsten Begegnungen: Sie erinnere sich gut, da war sie schon ein paar Jahre älter, wie sie eines Morgens unerwartet von einem Feldweg auf das Rollfeld des ehemaligen, jetzt stillgelegten Militärflugplatzes kam. Nie hatte sie so eine Weite gesehen. Als könne sie durch ein Weitwinkelobjektiv reisen. Über ihr schwebte der Raubvogel aus einen alten Trickfilm, unter dem Gras zwitscherten Vögel, die wie Zikaden zirpten. Und bis auf ein Fahrrad, das ihr von weitem als undeutlicher Punkt entgegenkam, war sie allein. Sie trat in die Pedale, hörte das Arbeiten der Maschine, das Rauschen der Laufräderräder auf dem Asphalt und den Wind, der durch die Speichen zog.

An dieser Stelle trat die Radfahrerin auch im Tiergarten kräftig in die Pedale, beschleunigte, schenkte ebenso dem Rauschen ihrer Räder, dem Wind und dem Arbeiten der Maschine alle Aufmerksamkeit. Auf einmal lag ich Längen hinter ihr. Da hob sie eine Hand, drehte sich um und rief: „Abseits von allem beugte sich ein Brennnesselfeld unter dem Wind. Das andere Fahrrad hielt unnötigerweise auf meine Spur zu, blieb aber noch hunderte Meter entfernt.“

Ich nahm ebenfalls Fahrt auf und war bald wieder gleichauf. So schossen wir in einem einzigen Zug nebeneinander: Die Bäume und die hellen Parkbänke flogen nur so vorüber, Passanten sprangen empört seitwärts, riefen unheilige Flüche hinterher und einer ballte seine Faust.

Die Radfahrerin sagte: „Eine kaum wahrnehmbare Unebenheit löste die Erinnerung an einen Feldweg mit Spurrillen aus, den ich Jahrzehnte zuvor befahren hatte. Nie in diese Rillen hineinfahren, ermahnte ich mich. Weil das immer ein böses Ende genommen hat. So einfach falle ich nicht drauf rein, sagte ich mir trotzig. Ich riss mich zusammen und blickte in den weiten Himmel. Ich konzentrierte mich auf die Möglichkeit eines Zeppelins. Oder darauf, dass der Rabe gleich dem Ende des alten Trickfilms, herunterfallen müsste.

Wie in einem schlecht zusammengeschusterten Zeitraffer sah ich am Rand meines Sichtfeldes das andere Fahrrad aufrücken. Eine Frau, dachte ich zuerst, wegen der langen Haare. Doch an den Bewegungen erkannte ich, dass es ein Mann war, der hoch im Sattel saß. Er trug einen altmodischen Mantel und seine Rockschöße flatterten wie seine Haare im Wind. Ich steuerte leicht in eine andere Richtung. Allein durch die Unterbrechung im Sehen, setzte sich der Gedanke an die Spurrille im Feldweg erneut in mir fest. Er strebte aus meinem Kopf über den Nacken bis ins Schultergelenk hinein. Er nahm meine Arme und meine Hände in Besitz, die das Lenkrad steuerten. Die unheilvolle Idee der Spurrille bewirkte eine Schlitterpartie. Rechts von mir richteten sich Brennnesselstauden auf. Ganz unschuldig lauerten sie unter dem Sommerlicht. Als Kind war es nicht anders und ich dachte: War denn seither nichts passiert? Da war das andere Fahrrad nur noch wenige Meter entfernt. Nach links oder nach rechts, dachte ich. Gleichzeitig sah ich, wie der mir Entgegenkommende schmerzhaft das Gesicht verzog und mehrmals den eigenen Kurs änderte. Sehen Sie, kaum denke ich daran, schon gerate ich ins Schlingern.“

Tatsächlich sah sie auf einmal ganz wacklig auf ihrem Rad aus, fing sich jedoch bald wieder.

„Ich sagte“, erklärte die Radfahrerin jetzt leicht außer Atem, „dass wir beide voreinander auswichen. Allerdings ähnlich, wie ein deutscher Tourist, der in England im Straßenverkehr auf einen Einheimischen trifft: Instinktiv in die gewohnte Richtung. Der Engländer natürlich ebenso. Und dann Wumms! – mit voller Wucht in die unvermeidliche Karambolage! Diesmal flogen wir beide in die Brennnesseln.“

Sie nickte und schwieg eine Weile und radelte etwas langsamer.

Dann flüsterte sie: „Lange Zeit lag ich auf dem Rücken. Ich hielt die Augen geschlossen und lauschte dem Konzert der Vögel, die wie Zikaden zirpten. Der einzige Rabe am Himmel schlug mit den Flügeln. Und als er vorüberschoss, vergaß er natürlich nicht, spöttisch zu krähen. Mehr aus Ärger als aus Verletzung hielt ich die Augen weiter geschlossen. Der Schmerz der Nesseln, der gemächlich Waden und Arme hochkroch, kam mir gerade recht. Endlich blinzelte ich gegen die Sonne und senkte den Blick, Millimeter um Millimeter. Zuerst war da ein Rad, das sich in der Luft surrte. Dann sah ich mein Fahrrad, das Kopf stand. Das Rad des anderen lehnte schräg wie ein Keil dagegen. Kein Mensch weit und breit, nur diese unglaublich weiten Flächen. Aber jetzt entdeckte ich den anderen. Offenbar hatte er sich eben wieder aufgerappelt. Unsere Blicke trafen sich, wir wurden uns der Situation bewusst und gingen sofort aufeinander los. Wir beschimpften uns mit unoriginellen Flüchen, wie sie immer gleich zur Stelle sind. Wie behaupteten gleichzeitig dasselbe über den anderen. Und als das zur Genüge ausgesprochen war, klopften wir spiegelbildlich den Staub und die Brennnesselblätter von unserer Kleidung, als wären wir die Hauptdarstellee in einem Laurel & Hardy-Film. Wir torkelten zu den Rädern, um sie aufzuheben und zu begutachten. Weil wir uns auf den Schuldigen nicht einigen konnten, luden wir uns zur Entschädigung gegenseitig zum Essen ein. In der Nähe der stillgelegten Rollbahn gab es nur einen Imbiss. Der Wirt, der stolz die Dienstbekleidung eines Lufthansa-Stewards trug, servierte Grillwurst und warmes Flaschenbier.“

Der Mantelträger stellte sich ihr vor als Stipendiat eines philosophischen Instituts. Auf drei Monate sei er hier in der Nähe, um an der Lösung eines Problems zu arbeiten. Seit Tagen hätte er einen Gedanken und parallel dazu das Gegenteil des Gedankens gewälzt, war aber zu keinem abschließenden Ergebnis gelangt. „Haben Sie den Raben gesehen?“, fragte er sie. „Ich glaube, er wälzt ein ähnliches Problem.“

„Um nicht Gedanken-verrückt zu werden“, erzählte die Radfahrerin weiter, „hatte er sich aufs Rad gesetzt und war immer schneller durch die Landschaft geschlittert, gesprungen, gerast. An mir wollte er ebenso rasch vorüber, wie an anderen Hindernissen, besonders denen seiner Gedanken. Andererseits kam für ihn unbewusst auch eine Theaterlösung infrage, die Verwirklichung eines Unfall, um darin aufzugehen, und so, wie er selbst im Nachhinein einräumte, sogar den Tod in Kauf nehmen! „Und Sie?“, fragte er unvermittelt. Aber das machte meinen Kopf auf der Stelle leer. Was kann man schon auf einer solchen Frage antworten?“, fragte jetzt die Radfahrerin und zuckte mit den Schultern. „Stellen Sie sich vor, wir sind sogar noch ein paar Mal ausgegangen, das heißt, wir haben uns noch zwei oder drei Mal an diesem abgelegenen Imbiss verabredet. Aber sein „Und Sie?“, das er wiederholt anbrachte, hat ernsthaft zwischen uns gestanden. Besonders gern brachte er zu seinen dramatischen Berichten an. Während ich über eine empathische Antwort grübelte, hatte er sich bereits in etwas Neues hineingesteigert. Viel später habe ich erkannt, dass „Und Sie?“ lediglich seine rhetorische Figur war, was die Sache nicht besser machte! Ich glaube, er hat sich nicht im Mindesten für andere Menschen interessiert.“

„Hat er Ihnen jemals verraten, um was für Gedanken es sich handelte?“, fragte ich.

„Natürlich nicht“, erwiderte die Radfahrerin. „Nur so viel: Die beabsichtigte Synthese aus zwei sich widersprechenden Gedanken sei durchaus existenziell gewesen. Nur nicht so, wie solche Gedanken früher existenziell gewesen seien, hatte der Philosoph behauptet. Er habe ja als Kind mit dem Philosophieren angefangen, auf Leben und Tod!, wie er sich stets bühnengerecht ausdrückte. Deshalb habe er später konsequent Philosophie studiert. Niemand könne ihm den Vorwurf machen, nicht linear gehandelt zu haben. (Wovor er die größte Furcht zu haben schien.) Allerdings konnte nach dem Studium niemand so richtig etwas mit seiner spezifischen Philosophieausrichtung anfangen. Weil sie sich nicht auf einen Wirtschaftsprozess anwenden ließ. Da habe man ihm angedroht, Philosoph oder nicht, ihn selbst irgendwo in den Wirtschaftsprozess hineinzustecken. Er sagte: „So wie man früher in der chinesischen Kulturevolution Intellektuelle aufs Land geschickt hat.“ Hängen Sie doch das Philosophische an den Nagel, hatte man ihm, dem Nichthandwerker, auf den Kopf zu gesagt. Empört habe er im Institutionellen wie im Privaten nach einer zweiten oder dritten Meinung gesucht. Doch zu seinem Entsetzen überall Ähnliches gehört. Es gab keine zweite, keine dritte Meinung. Und es gab auch nicht den geringsten Zweifel, was ihn als Philosophen natürlich tief erschütterte. Nur um der einen Meinung zu entkommen, ja, um nicht zu verhungern, habe er sich schließlich um eines der von ihm so gehassten Stipendien beworben.

„Drei Monate Existenz glaubte er auf diese Weise sicher in der Tasche“, berichtete die Radfahrerin. „Eines Abends, als er sich wie gewohnt ein großes Glas Burgunderwein an die Nase führte, um sich lediglich am Duft zu berauschen, sich anschließend eine gesalzene Haselnuss in den Mund steckte, und beides abwechselnd bis Punkt Mitternacht, habe er im Kleingedruckten des Stipendiumvertrags entdeckt, dass er am Ende der Zeit einen ausführlichen Leistungsnachweis in Form eines Essays beizubringen habe. Und im Falle der Nichterbringung sei das schon erhaltene (und größtenteils zur physischen Verköstigung bereits aufgebrauchte) Stipendium komplett zu erstatten. Wenn er also von existenziellen Gedanken in der Gegenwart rede, dann meine er natürlich das Geld, dass ihm je nachdem zum Leben hingehalten oder wieder weggenommen werde. Je nachdem, ob und höchstwahrscheinlich auch wie er seine Gedanken darlege. Dabei könne auch von darzulegenden Gedanken nicht einmal die Rede sein. Alles sei ja bereits fix. Fraglich sei, ob er sich das Denken eigener Gedanken finanziell leisten könne oder nicht. Und jetzt dieser Unfall. Natürlich könne er sich auch bei ihr bedanken, schloss der Philosoph, spülte sich den Mund mit warmen Bier und blinzelte gegen die Sonne.“ […]

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